Orte & Menschen

Gastro in echt

Frankfurts Esskultur

Frankfurt ist für viele: Skyline, verglaste Hochhäuser, Banken, überfüllte Straßen. Dazwischen immer mehr Cafés und Tapas Bars, mit den immer gleichen Wraps und Omas Kuchen (man staunt schon über die vielen Omas in der Stadt). Doch wer genauer hinschaut, findet noch die Orte, an denen nicht nur gekocht oder verkauft wird, sondern ein Stück der Frankfurter Geschichte bewahrt wird.

Schon beim Betreten des alten Schankraums verändert sich die Atmosphäre spürbar. Während draußen der Verkehr über die Berger Straße rauscht, klirren drinnen Gläser, mischen sich Stimmen zu einem gleichmäßigen Murmeln und kommt aus der Küche der Duft von frisch zubereiteten Speisen. An den Wänden hängen alte Bilder. Holztische stehen dicht nebeneinander. Auf einigen Tischen steht der typische Bembel, aus dem der Apfelwein ausgeschenkt wird. Wir sind im Solzer, dem traditionellen Apfelweinlokal im Frankfurter Stadtteil Bornheim. Auf den Tellern Frankfurter Küche: Handkäs mit Musik, Schnitzel mit grüner Soße, einfache Hausmannskost. Viele Gäste sind schon älter, mit dem Ort aber scheinbar gut vertraut. »Viele kommen immer wieder. Das Lokal ist für sie eine Art Wohnzimmer«, sagt eine der Kellnerinnen. Hierher kommen Frankfurterinnen und Frankfurter, um Freunde oder Nachbarn zu treffen und gemeinsam den Abend zu verbringen. Das bereits seit den späten 1900er-Jahren familiär geführte Lokal erscheint wie eine noch unberührte Oase, in der sich die Welt noch ruhig, gemütlich und fast ein wenig nostalgisch anfühlt.

Doch das Solzer ist nicht der einzige Ort in Frankfurt, an dem Familienbetriebe die alte Esskultur der Stadt weiterleben lassen. Gefühlt sind solche Orte die Anker in einer Stadt, in der fast täglich neue Cafébars oder Bistros öffnen. Ein weiterer ist die traditionelle Metzgerei »Gref Völsing« auf der Hanauer Landstraße. Auch sie zählt bis heute zu den wenigen Betrieben, in denen noch Wert auf die eigene Herstellung und auf die Herkunft der Produkte gelegt wird. Viele Kundinnen und Kunden kommen schon seit Jahren hierher und schätzen nicht nur die Qualität der Produkte, sondern auch den persönlichen Umgang. Damit ist – gerade in der Mittagspause – der Ort, wo es die Waren auch frisch zum Essen gibt, einer der wenigen Orte, wo dann ganz selbstverständlich Banker*in und Bauarbeiter*in mal nebeneinander stehen. Ebenso wie man »Frau Schreiber« kennt. In der Frankfurter Kleinmarkthalle, einem sonst eher feinen Ort für Lebensmittelkultur, hat sie inmitten zahlreicher Obststände, Käse-, Gewürz- und sonstiger internationaler Spezialitäten, ihre bereits über Familiengenerationen weitergegebene Metzgerei »Schreiber«. Der sehr kleine Stand, in dem Frau Schreiber buchstäblich zu Hause zu sein scheint, ist stets umringt von Warteschlangen, die sich oft über mehrere Meter hinweg quer durch die Kleinmarkthalle ziehen. Ein Besucher meint, hier lohne sich das Anstehen immer. Schon beim Warten komme man ins Gespräch.  Und nirgendwo gäbe es eine bessere Fleischwurst als hier. Und viel mehr steht auch gar nicht auf der Speisekarte. Keine aufwendigen Foodtrends oder neue kulinarische Experimente. Stattdessen bekommt man hier das, was schon immer dazugehört hat. Auf einer kleinen Holztafel findet man Fleischwurst, Rindswurst, Krakauer oder Gelbwurst, dazu etwas Senf und ein Brötchen, bodenständige Frankfurter Spezialitäten eben. Preise sind überschaubar.  Und Frau Schreiber ist eine Institution. Bei ihr, die mit ihren 78 Jahren noch immer hinter dem Tresen steht und ihre Kundschaft bedient, scheint Arbeit und der Kontakt zu den Menschen Freude zu sein. Freude, die auch in ihrem Alltag eine Art soziale Funktion erfüllt. Ebenso wie in dem der vielen Menschen, die tagein, tagaus immer wieder kommen. Eine kleine Oase, ein »soziales Rückgrat« im sonst so schnelllebigen Stadtleben der Frankfurter Innenstadt (lou.).

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