»Fasa Fiso« ist Türkisch und steht etwa für »Papperlapapp«. Der Begriff trägt Kinder durch eine ganze (eigene) Stadtteiloper. Und zeigt zugleich, wie das Bridges Kammerorchester, das diese Oper anstieß, mit Klischees aufräumt und mit Musik zum Miteinander in der heutigen Gesellschaft beiträgt. Ein Miteinander, das viel mit Machen zu tun hat.
Über der Bühne des Volkshauses Sossenheim laufen Videos, in denen Kinder und von ihnen befragte Erwachsene ihre Vorstellungen vom »Okay-Sein« äußern. Namen, Akzente, Haut- und Haarfarben zeugen von der Vielfalt an der Schule und im Stadtteil. Die findet ihre Entsprechung in Songs, die als Stadtteiloper von den Kindern selbst gemeinsam mit dem Bridges-Kammerorchester auf der Bühne aufgeführt werden. Lieder aus Persien und der Türkei sind ebenso dabei wie ein Flamenco oder das deutsche Volkslied »Es saß ein klein wild Vögelein«. Gesungen wird in vielen Sprachen, musiziert auf Instrumenten aus diversen Kulturen.
Ein Wort bleibt besonders in Erinnerung: »Fasa Fiso«. Das ist Türkisch und heißt etwa »dummes Zeug« oder, wie es im Programmheft der Stadtteiloper »Du bist okay« steht, »Papperlapapp«. Die Kinder der Henri-Dunant-Schule in Frankfurt-Sossenheim besingen damit Aussagen wie »Mädchen dürfen nicht laut lachen« oder »Jungen können nicht kochen«. Die Kinder haben den Satz »Du bist okay, so wie du bist« aus ihrem Schullied »Du bist okay« über ein Schuljahr hinweg in allen Facetten beleuchtet, gemeinsam mit Lehrer*innen und Musiker*innen des Bridges Kammerorchesters. »Zu allem, was nicht zu ihnen passt, selbstbewusst ,Papperlapapp‘ sagen zu können« – Das wünscht Berivan Canbolat den Kindern. Canbolat spielt bei Bridges die Laute Bağlama und ist einer der Musikpat*innen der Dunant-Schule.
»Du bist okay« ist eines von vielen Projekten, mit denen sich das interkulturelle Ensemble Bridges in den vergangen zehn Jahren einen Namen gemacht hat. Die Idee von »Bridges – Musik verbindet« entstand 2015, als hunderttausende Menschen, die meisten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, nach Europa flohen. Die Initiative der Musikstudentinnen Isabella Kohls und Julia Kitzinger brachte Musizierende mit und ohne Flucht- und Migrationserfahrung zusammen; geplant war ein Projekt über wenige Monate, das in einem Konzert münden sollte. Gut 70 Menschen kamen zu den Proben, ausgebildete Künstler*innen aus persischen, arabischen oder nordafrikanischen Musiktraditionen, Menschen, die in Europa Musik studiert hatten, und Hobbymusiker*innen. Nach dem Abschlusskonzert im April 2016 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks wurde rasch klar: Es sollte weitergehen. Johanna-Leonore Dahlhoff, die als Flötistin mitgespielt hatte, übernahm die Künstlerische Leitung, die Kulturmanagerin Anke Karen Meyer, als Besucherin dabei, den kaufmännischen Part.
Die Wege von Amateur- und Profimusiker*innen verzweigten sich. Das Herzstück der Bridges-Familie ist – neben acht weiteren Ensembles vom Duo bis zum Quintett – das 2019 gegründete, vielfach ausgezeichnete Kammerorchester. Es zählt rund zwei Dutzend Musiker*innen aus 15 Ländern und ihren fast noch zahlreicheren Instrumenten: die aserbaidschanische Langhalslaute Tar spielt neben Geigen, Harfe und Zither, Horn, Klarinette und Saxofon neben der persischen Stachelgeige Kamanche und der kleinasiatischen Flöte Kaval. Die Musiker*innen komponieren und arrangieren alle Stücke selbst; Bridges versteht sich als »Composing Orchestra«. Zum Jubiläumskonzert im April 2026 – wieder im hr-Sendesaal – thematisierte das Programm Brücken und stellte ganz un bescheiden die Frage: »Wie klingt Zukunft?«. Die Antwort liegt auch in der »Bridges Community«, in der Hobby- und semiprofessionelle Musiker*innen im gemeinsamen Spiel-Raum mit den Profis des Kammerorchesters Unterschiede nicht verstecken, sondern in Dialog bringen. Und vor allem in »Bridges Education«, transkulturellen Vermittlungsprojekten, die sich an Schüler*innen, Studierende und andere am Perspektivwechsel Interessierte richten. Zum Beispiel an die Kinder der Henri-Dunant-Grundschule, mit der Bridges seit Jahren eine Kooperation unterhält, neuerdings als Residenzorchester. Auch von den Kindern gemalte Bilder erscheinen bei der Stadtteiloper auf der Leinwand. Auf einer spanischen Flagge steht: »Einsamkeit. Traurigkeit. Trauer. Wut.« Niemand tut hier so, als wäre es immer einfach, so zu sein, wie man ist. Das wäre »Fasa Fiso« … (olk.)





