Partizipation

Schein-Abstimmung

EZB nimmt partiell Bürger*innen mit

»Der EU« wird gerne vorgeworfen, nicht gerade bürgernah zu handeln. Von »denen in Brüssel« ist dann gerne die Rede. Gleiches gilt oft für »die EZB«, die Europäische Zentralbank. In diesem Falle sind es dann Frankfurt und deren Bürotürme, die an die Stelle von »Brüssel« treten. Zumindest die EZB hat nun ein bemerkenswertes Stück Partizipation auf den Weg gebracht. Erstmals in der Geschichte des Euros sucht sie bei der Neugestaltung der Geldscheine die Abstimmung mit den Bürger*innen der Gemeinschaft. Über die Website der Zentralbank können diese in allen Mitgliedsstaaten gleichzeitig zumindest partiell ihre Meinung sagen über die Motive ihrer künftigen Scheine.

Zur Auswahl und zur Debatte stehen zwei Motivserien in noch dazu jeweils fünf verschiedenen Ausführungen. Bei den Motiven gibt es die Variante mit Vögeln und (dezenter im Hintergrund) Flüssen sowie Gebäuden der Gemeinschaft auf den Rückseiten. Mit dabei Basstölpel, Mauerläufer oder Eisvogel. Die zweite Variante zeigt bedeutende nicht mehr lebende Kulturschaffende aus den Mitgliedsstaaten (von Beethoven bis Callas) sowie Kulturszenen wie etwa stilisierte Bibliotheken oder Straßenmusiker*innen. Die Ausführungen sind vielfältig: von klassisch bis leicht avantgardistisch. Zur Bewertung gibt es immerhin fünf Stufen von »Es gefällt mir sehr gut« bis zu »Es gefällt mir überhaupt nicht«. Auch »Weder, noch« gibt es (heißt hier: »Ich finde es weder gut noch schlecht«). So weit, so gut. Danach wagt sich aber nicht nur der Eisvogel auf dünnes Eis. Man/frau soll die Bewertung noch kommentieren. Beispielsweise, weil sie einfach gut aussehe oder weil sie ein Zugehörigkeitsgefühl zu Europa vermittle. Das gleiche gibt es auch in der Negativvariante. Nur bei »Weder, noch« wird es holprig. Denn auch da gibt es die Variante: »Weil sie einfach gut aussehen«. Rückschlüsse auf das Selbstverständnis von Notenbanker*innen lässt allerdings zu, dass »Das Design sieht nach Euro-Banknoten aus« offenbar eine positive Bewertung ist …

Nun ja, in der EZB übt man wohl noch Beteiligungsformate. Dazu passt auch, dass nirgendwo so recht erklärt wird, was man mit den Ergebnissen eigentlich machen will. Und warum man die Teilnehmer*innen am Ende auch noch nach Alter und anderen Dingen befragt. Erst nachdem man die Umfrage weggeschickt hat, erfährt man wenigstens, dass das Feedback irgendwie in die endgültige Entscheidung einfließen solle. Nur wie? Was macht man etwa, wenn besonders viele junge Frauen Variante H bevorzugen und besonders viele ältere Diverse Variante B (Beispiele rein willkürlich)? Stampft man dann alles noch mal ein und macht es wie bei Kreditkarten: Jede(r) kann sich seine Lieblinge ausdrucken lassen? Ach ja: In unserer Redaktion gab es keine klaren Mehrheiten für eine Variante. Lediglich eine, leider nicht vorhandene Option obsiegte klar: Kulturszenen auf einer, Vögel auf der anderen Seite. Womit wir wieder beim Selbst-Ausdrucken wären. Das hätte auch noch einen zweiten Vorteil: Frau könnte Marie Curie durch Paula Modersohn-Becker, Simone de Beauvoir oder Astrid Lindgren ersetzen. Denn wie diese große Naturwissenschaftlerin – bei allem Respekt vor ihrer herausragenden Lebensleistung – in die Serie »Kultur« kommt, erschließt sich wohl nur EZB-Bankern … (vss.).

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