Dritte Orte – Hinter dem Begriff steht der Versuch, neue Orte in der Stadt zu schaffen zwischen dem Zuhause und dem Arbeitsort der Menschen. Neue Orte, die sich dem Zugriff anderer auf die Menschen entziehen. Neue Orte, die zugleich jenseits von Zwängen und dem stetes Konsumieren im öffentlichen Raum sich einsortieren. Vor allem Stadtbibliotheken sind zunehmend dabei, sich als solche Dritten Orte neu zu erfinden.
Ein wenig hat alles etwas von Wohnzimmer. Viel warmes Holz, verwinkelte persönliche Ecken, Rückzugs- und Plauderorte – ganz nach eigenem Gusteau. Mit Unterstützung des niederländischen Architekten Aat Vos wurde die öffentliche Stadtbücherei in Friedrichsdorf im Hochtaunuskreis als niedrigschwelliger und sozialer Treffpunkt für die Stadtgesellschaft gestaltet. Hier stehen frei zugängliches Wissen und Bildung, aber auch konsumfreie Teilhabe für alle im Vordergrund. Die einladende, fast heimelige Atmosphäre soll zu neuen Begegnungen, Erlebnissen und Inspirationen beitragen. Dieser konsumfreie »Dritte Ort« – ein Ort, der neben dem eigenen Zuhause und der Arbeitsstelle dem geselligen Beisammensein dient – kann von außen ebenerdig eingesehen und barrierefrei erreicht werden. Die angrenzenden Innenräume entlang der Fenster sind offene Aufenthaltsorte, sodass die Bücherei beim Vorbeilaufen als lebendiger Ort selbst wahrgenommen wird. Von der Theke am Eingang fällt der Blick auf eine Wohnzimmerlandschaft, die auch für Veranstaltungen flexibel genutzt werden kann. Ein Teil der Dekoration, wie eine private Telefonsammlung, stammt aus einem öffentlichen Spendenaufruf nach persönlichen Erinnerungen und Gegenständen, die das Büchereimotto »ein inspirierender Ort für dich« in sich tragen. Der hintere, verwinkelte Bereich der Bibliothek wird als Rückzugsort genutzt, an dem konzentriert, kreativ oder kollektiv gearbeitet und gespielt werden kann. Die Bücherei ist nun für alle zugänglich, ob mit Rollstuhl, Kinderwagen oder Sehbehinderung. Taktile Leitbahnen auf dem Boden helfen bei der Orientierung.
Was im beschaulichen Friedrichsdorf im Kleinen gelungen ist, wurde im schon etwas größeren niederländischen Groningen quasi im großen Stil ein paar Nummern größer ebenfalls umgesetzt. Das »Forum«, das sich im Zentrum der Provinzhauptstadt Groningen im Norden der Niederlande befindet, ist ein multifunktionales Gebäude, das als kulturelles Kaufhaus voller Bücher und Bilder konzipiert wurde und zudem Ausstellungsräume, Kinosäle, Versammlungsräume und Restaurants anbietet. Es dient als Plattform für Austausch und Diskussion. Auch als »Wohnzimmer« für die Stadt, auch wenn sich manche bei der schieren Größe des lichtdurchfluteten Großbaus mit dem Begriff sicherlich etwas schwerer tun werden. Und doch gelingt es zumindest an einigen Stellen, diesen Anspruch aufrecht zu halten. Seit seiner Eröffnung im Jahr 2019 hat das Forum sich zum »Dritten Ort« der Stadt entwickelt. Es ist eine neue Art von öffentlichem Raum, in dem die traditionellen Grenzen zwischen Institutionen und Funktionen verschwinden. Das Gebäude ist als ein singulärer, klar ablesbarer Baukörper konzipiert, der die Gemeinschaft und das kollektive Potenzial des vielfältigen Programms zum Ausdruck bringt. Im Herzen des Forums befindet sich ein Atrium, das als räumliches Netzwerk fungiert, indem es die unterschiedlichen Nutzungen miteinander verbindet und den Austausch von Wissen und Ideen fördert. Die Konfiguration der Innenräume und die Dachterrasse bieten ständig wechselnde Ausblicke auf die umliegende Stadt. Die Gesamtgestaltung regt zum Erkunden an und zielt darauf ab, eine kontinuierliche Lust am Flanieren und Stöbern zu wecken (sfo. / mak. / red.).





