Blaupause | Montpellier

Einsteigen und losfahren

Stadt schenkt Bürger*innen ihren ÖPNV

Straßenbahnen in Montpellier sind immer etwas besonderes. Nicht nur, dass einige von ihnen zu den besonders bunten und farbenprächtigen Exemplaren zählen. Wer einmal in der südfranzösischen Mittelmeer-Metropole war, weiß auch, dass Montpellier eine der wenigen Städte ist, in der man mit der Straßenbahn fast bis an den Strand fahren kann. Zumindest bis an die »Etang« geheißenen Wassergebiete nahe am Meer. Für wen das ein Grund ist, nach Südfrankreich umzuziehen, der oder die haben seit einigen Jahren noch mehr Freude an den Trams. Seit fast drei Jahren ist Montpellier die größte Stadt Europas mit kostenlosen Bussen und Bahnen – zumindest für ihre Bewohner*innen. Rund eine halbe Million Menschen in und um Montpellier dürfen den ÖPNV der Stadt ohne Ticket nutzen. Nur ein kleiner Ausweis muss mitgeführt werden.

Rund 40 Millionen Euro lässt sich die Stadt das Fahrvergnügen ihrer Bürger*innen pro Jahr extra kosten. Der Großteil dieser Ausgaben werde, so die Mobilitätsdezernentin, aber meist wieder eingespielt. Montpellier profitiert dabei davon, dass es eine französische Boomtown am Mittelmeer ist – und dass in Frankreich Städte ansässige Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitenden sich an den Kosten für den örtlichen ÖPNV beteiligen. Da Montpellier seit Jahren wächst, immer mehr Unternehmen anzieht und jedes Jahr rund 8.000 Menschen sich neu in der Stadt ansiedeln, spült diese Steuer jedes Jahr viele Millionen Euro zusätzlich in die Kassen der Stadt. Für die Unternehmen, so die Dezernentin, sei diese Infrastruktur neben dem Meer und der fast garantierten Sonne ein echtes Plus für ihre Mitarbeitenden, wie Umfragen ergeben hätten. Nicht von ungefähr steigen die Nutzerzahlen für das recht gut ausgebaute Netz von Bussen und Bahnen stetig. Mittlerweile nutzen rund 80 Prozent der Einwohner*innen den Service. Und es hilft gegenzusteuern, denn mit den Zugezogenen stieg zuvor auch jedes Jahr die Zahl der neu zugelassenen Autos um mehrere Tausend. Unternehmen sind übrigens nicht die einzigen, die in Montpellier noch zahlen. Auch die nach Südfrankreich kommenden Tourist*innen zahlen weiterhin ihr Billet. Verkehrsexpert*innen aus aller Welt schauen mittlerweile schon mit großem Interesse auf das Experiment im Süden Frankreichs. Bisher nämlich waren es vor allem kleinere Städte wie zum Beispiel Tallinn in Estland oder das ebenfalls französische Dunkerque / Dünkirchen, die mit einem kostenlosen ÖPNV experimentiert haben. Gerade wirtschaftsstarke Städte denken dabei ebenfalls an eine Art Mobilitätsabgabe wie in Frankreich. Im Rhein-Main-Gebiet machte auch Frankfurts Verkehrsdezernent mit dieser Idee von sich reden. Bisher ohne Erfolg. Wobei es an den zuziehenden Wirtschaftsunternehmen und der steigenden Einwohner*innenzahl nicht liegen kann. Vielleicht fehlt aber irgendwie noch die direkte Verbindung zum Meer … (sfo.).

Zum Teilen:

Mehr Infos:

Die Reihe »Blaupause – Stadt muss nicht neu erfunden werden« stellt urbane Projekte vor, die in verschiedenen Städten der Welt Vorreiterfunktion für andere Städte haben (können)

Die Reihe entsteht in Kooperation mit der Kampagne World Design Capital Frankfurt Rhein Main 2026 (Link)

Hinweis: Das Foto von Magnus Manske / IngolfBLN steht unter folgender Creative Commons-Lizenz: CC-BY-SA-2.0 (engl. Version, andere Sprachen am Ende der Lizenzen) 

Aus dieser Ausgabe: