Flüsse werden häufig als »Lebensadern« von Städten bezeichnet. Der Begriff stammt aus einer Zeit, in welcher die Flüsse, an denen Städte lagen, wichtige Verkehrsadern waren. Heute erlangt der Begriff der »Lebensader« eine ganz neue Bedeutung. Städte entdecken den Raum am Fluss neu, beleben ihn, bauen auch Straßen an den Ufern oftmals zurück, um den Raum frei zu geben für die Menschen.
Paris, das sich seit diesem Jahrzehnt verstärkt zur »Grünen Metropole Europas« entwickelt, hat die Ufer der Seine, die »Rives de Seine«, schon lange als echte Lebensadern wiederentdeckt. Bereits 1991 wurden die Seine-Ufer zum Unesco-Welterbe erklärt und umgestaltet. Anfang dieses Jahrhunderts wurden sogar einige Uferabschnitte zeitweise zu autofreien Zonen erklärt, das erste »Paris Plage Festival« (das Paris Strand Festival) fand statt, Fussgänger*innen, Radfahrer*innen und Jogger*innen konnten die Promenaden erobern. Unter Bürgermeister Bertrand Delanoë wurden die Ufer langsam, aber sicher den Menschen zurückgegeben. Nach mehreren Jahren des Experimentierens wurden Autos vom linken (seit 2013), später vom rechten Ufer (seit 2017) vollständig verbannt. Es war die Zeit von Delanoës Nachfolgerin Anne Hidalgo, die die ganze Stadt grüner und autofreier machte. Eine Politik, die auch ihr ebenfalls sozialistischer Nachfolger fortsetzen will, der öffentlichkeitswirksam seine Siegesfahrt nach der Wahl mit dem (E-) Fahrrad durch die Stadt unternahm. Drei Ziele stehen seither im Vordergrund: die Ufer den Fußgänger*innen zurückzugeben, die Nutzung des Flusses zu diversifizieren sowie Sport, Kultur und Natur zu fördern. Die heutige Promenade an beiden Ufern zwischen Eiffelturm und Bastille ist sieben Kilometer lang, der Parc Rives de Seine erstreckt sich über eine Fläche von 10 Hektar. Mittlerweile ist sogar das öffentliche Schwimmen in der Seine wieder möglich.
Bei letzterem ist Paris ein Nachzügler. In vielen Städten Europas erobern sich die Menschen nicht nur die Ufer, sondern gleich die ganzen Gewässer zurück. Eine Bewegung, die allerdings durchaus auf unterschiedliche Reaktionen trifft. Während in Basel das Rhein-Schwimmen und in Zürich das Schwimmen im See Tradition haben und Paris nun seine neuen Flussbäder in der Seine feiert, wird die positive Entwicklung an anderen Orten in Europa behindert. Deshalb entstehen vielerorts zivilgesellschaftliche Initiativen, die eine positive Veränderung kreativ einfordern, wie die Mit-Schwimm-Demos des Flussbades Berlin, die Schwimmparaden des Schwimmvereins Donaukanal in Wien oder das temporäre Freibad von Pool is Cool in Brüssel. Die wachsende Bewegung der Swimmable Cities vernetzt Initiativen aus diversen Ländern und verbindet in ihrer Charta das Recht zu schwimmen mit dem Schutzrecht des Wassers und der Natur. Sie sind dabei regelrecht die Speerspitze für ein Revival der Flüsse in den Städten. Besonders in den Zentren, wo Flüsse und davon abzweigende Kanäle und Häfen über Jahrhunderte die Stadtentwicklung sehr maßgeblich geprägt haben. Nach der Ära der Industrialisierung, in der die Gewässer extrem belastet waren, verbessern sich heute vielerorts die Bedingungen. Die Gewässer sind sauberer und auf kleinen Flüssen ist die Transportschifffahrt praktisch verschwunden. Gleichzeitig hat sich bei vielen Menschen die Wahrnehmung der städtischen Umwelt, der Wasserflächen und speziell der Flüsse verändert. Sie erscheinen als natürliche Ressource und wertvolles öffentliches Gut sowie als ein lange missachteter, ganz besonderer und schützenswerter Teil der Natur (lys. / mak. / red.).






