Häufig entscheiden in Städten und Gemeinschaften einige wenige darüber, wie viele zu leben haben. Klassische Beispiele: Architekten und Planungsbüros entwerfen Häuser und Wohnungen, in denen von ihnen später selbst niemand wohnen wird. Gewerbetreibende müssen sich oft nach bürokratischen Regeln richten, die von Menschen entwickelt wurden, die selbst nie ein solches Gewerbe betrieben haben. Doch immer öfter auch gibt es Beispiele, wie diese klassischen Muster auch in Städten durchbrochen werden (können).
Am Anfang stand der Ärger. Der Ärger darüber, wie schwierig es in Finnland ist, ein Restaurant zu gründen und zu betreiben. Als Reaktion darauf entstand Anfang der 2010er Jahre in Finnlands Kapitale Helsinki eine kleine temporäre Fahrrad-Bar, an der einfach Getränke und Tapas verkauft wurden. Verbunden mit dem Aufruf, es den Betreibern einfach mal kurzzeitig gleichzutun. Man musste sich dazu nur auf einer Website anmelden (um von Besucher*innen gefunden zu werden) – und loslegen. »Restaurant Day«, »Ravintolapäivä« auf Finnisch, war entstanden. Ein öffentlicher Gastronomie-Karneval, der viermal im Jahr stattfand und jede Person befähigte, für einen Tag Gastwirt*in zu werden. Von 2011 bis 2016 entstanden in ganz Helsinki Hunderte von Popup-Restaurants – Dutzende weiterer Städte in Finnland und im Ausland folgten dem Beispiel. Tausenden von Menschen kamen zu jedes Mal zusammen, die die eintägigen Restaurants organisierten und besuchten. Eine Gruppe von Freiwilligen sorgte im Hintergrund dafür, dass alles reibungslos ablief, und die Veranstaltung wurde von der Restaurant Day Vereinigung ermöglicht.
Gleich ein ganzes Haus in die eigene Hand nahmen ebenfalls Anfang der 2010er Jahre in Spanien eine größere Gruppe von Menschen, die ihr künftiges Zuhause selbst gestalten und nicht irgendwo einziehen wollten. Die Idee zur Wohnungsgenossenschaft La Borda entstand 2012 im Rahmen der Übernahme der ehemaligen Fabrik Can Batlló im Barceloner Stadtteil Sants durch die lokale Bevölkerung. Das Projekt befindet sich auf einem öffentlichen Grundstück, das für den sozialen Wohnungsbau vorgesehen ist, mit einem Erbbaurecht von 75 Jahren. Das Ziel war, das Programm für gemeinschaftliches Wohnen neu zu definieren und dabei nachhaltiges Bauen zu verwirklichen. Vor allem aber: die Beteiligung der künftigen Nutzer*innen in den Mittelpunkt zu stellen. Das Architekturkollektiv Lacol ergriff die Chance, gemeinsam mit den zukünftigen Bewohner*innen bezahlbares und barrierefreies Wohnen von Grund auf neu zu denken. Drei Prinzipien leiteten das Projekt. Erstens Gemeinschaftliches Wohnen. Das Gebäude umfasst 28 Wohneinheiten sowie mehrere Gemeinschaftsräume. Alle sind um einen zentralen Innenhof angeordnet, angelehnt an die Corralas, eine traditionelle spanische Wohntypologie. Zweitens Nachhaltigkeit. Sowohl in der Bauphase als auch über den gesamten Lebenszyklus sollte möglichst die Umwelt schonend gebaut werden, um vor allem einen hohen Wohnkomfort bei minimalem Verbrauch zu erreichen. Und der Clou war, wie gesagt, die Beteiligung der künftigen Bewohner*innen. Die Zusammenarbeit mit den zukünftigen Nutzer*innen während des Prozesses war von Anfang an die wichtigste und entscheidende Variable in diesem Projekt, das nicht von ungefähr anders aussieht als viele andere Wohnblocks, die heutzutage nicht nur in Spanien entstehen (sfo. / mak. / red.).





